Pyramide in Rappa

Na – das geht aber nicht! Eine Pyramide in Masuren, das ist doch Wahnsinn! Man kann alles erfinden um Geld zu verdienen. – mit solchen Reaktionen müssen die Fremdenführer in unserer Region rechnen, wenn sie den Touristen von der Pyramide in Rappa erzählen. Im besten Fall kann man ein verzeihendes Lächeln erwarten … Das stimmt, der Erfindergeist des Menschen kennt keine Grenzen, aber bei dieser Geschichte haben wir es mit keiner Geldfrage zu tun.

Sie können uns glauben oder nicht, aber man braucht nicht nach Ägypten zu fahren, um mit eigenen Augen eine echte Pyramide zu sehen. Sie ist etwas jünger als ihr ägyptisches Muster, entstand am Anfang des 19. Jahrhunderts und befindet sich im Dorf Rappa, nicht weit weg  von Banie Mazurskie im Angerburger Landkreis. Sie wurde auch für keinen Pharao errichtet, weil keiner der mächtigen Nilherren  weder diese Gegend besucht noch von ihr gehört hat.   Dieses unglaubliche Bauwerk ist ein Grab der Farenheid-Familie.

Fahrenheit-Skala

Die Familie Farenheid, die in manchen Dokumenten Farenheit genannt wird,  ließ sich in erster Hälfte des 18. Jahrhunderts in dieser Region nieder.  Von Christopha von Rap haben sie das Dorf Angerrapp abgekauft. (Anger in der Sprache der heidnischen Pruzzen bedeutet Aal und von dieser Bezeichnung stammt der Name Angerrapp) und bauten in Bejnany einen Palast im neuklassizistischen Stil, der 1945 von den Soldaten der Roten Armee geplündert und zerstört wurde und dessen Ruinen heute auf der russischen Seite der Grenze liegen. Die Gutsbesitzer waren für die – generell etwas zurückgebliebenen – Masuren besonders gut ausgebildet, sie reisten viel, nicht nur in Ostpreußen, aber auch in ganz Europa. Am Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Friedrich von Farenheid , Schüler des bekannten Emanuel Kant von der Königsberger Universität  zum Besitzer des Gutes. Während seiner Reise nach London hielt er sich in Paris auf. Dort faszinierten ihn die Geschichten der französischen Soldaten , die aus Ägypten zurückgekehrt waren . Sie erzählten ihm von den Pyramiden.
So begann seine Faszination für die Gräber des Pharaos . Neben dieser hatte der Baron auch noch andere Schwächen: Als Pferdeliebhaber hat er nach seiner Rückkehr aus England das erste Gestüt der englischen Pferde in Ostpreußen gegründet. Er besaß ebenfalls eine große Sammlung von Malerei,  Skulpturen und archäologischen Ausgrabungsfunden aus Ägypten. In den Parkalleen, die sich von dem Palast bis zur Pyramide erstreckten, standen Marmorskulpturen und Miniaturen des neogotischen Tempels. Jahrelang hat er die Tätigkeit des kleinen Seminars in Żabiniec finanziert, wo man Lehrer  für die nah gelegenen von polnischsprachigen Masuren bewohnten Gebiete ausbildete.

Der Ort der Macht

Am Anfang des 19. Jahrhunderts wurde 5 km von dem Palast entfernt eine Pyramide nach dem Entwurf von Bartel Thorwaldsen (1770-1844) errichtet. Dieser Däne ist den Polen sehr gut als Schöpfer der Denkmäler von Kopernicus und Poniatowski in Warschau sowie des Grabes von Pius VII. in der St. Peter Basilika in Rom bekannt. Der Ort für den Bau der Pyramide wurde nicht zufällig ausgewählt. Schon in alten Zeiten wurde diese Stelle von den Einwohnern „Ort der Macht“ genannt, was auch spätere Forschungen bestätigt haben. Die Pyramide steht auf einer besonderen Stelle, wo sich die Stärke der positiven Energiestrahlung der Erde und des Weltraumes konzentriert. In Rappa kreuzen sich drei Linien der starken  geometrischen Strahlung, die den Ort der Macht verbinden. Eine von ihnen verläuft von Kaunas in Litauen durch Rappa und durch die Wolfschanze bei Rastenburg bis nach Karlsruhe in Deutschland, einem des stärksten Orte der Macht in Europa. Laut Nigel Pennick, dem englischen Forscher der Geomantion , wurde das Quartier von Hitler mit Hilfe des Geomantionswissens lokalisiert.
Zusätzlich wird die positive Strahlung in der Pyramide durch die entsprechende Form der Kuppel verstärkt, deren Neigungswinkel, wie in ägyptischen Pyramiden  51°52’  Grad  beträgt. Die Einflüsse der negativen Energie eliminiert das aus dem Feldstein gebaute Fundament. Die von Wissenschaftlern gemessene Strahlung des Bauwerkes beträgt 23 000 Einheiten in der Bovis-Skala. Die Strahlung des Menschen erreicht 6,5 Tausend Einheiten, und die Stellen mit einer Strahlkraft über 18 000 Einheiten werden als Orte der Macht betrachtet. Die Stärke der Strahlung ist sehr günstig für die Gesundheit. Mücken und Fliegen meiden Pyramiden …

Das Grab

Wie bereits erwähnt, interessierte sich der Gutsbesitzer Friedrich von Farenheid  für die Antike, besonders für das altertümliche Ägypten. Als 1812 seine Tochter Ninette starb, ließ er das Mausoleum in Form einer Pyramide bauen, wo sie begraben wurde. Später wurde die Pyramide zur Ruhestätte weiterer Mitglieder der Familie  ihres Stifters, die lange Zeit in dieser Region regierte. Neben Ninette von Farenheid (gest. 1812), deren sterblichen Überreste in einer 1 Meter langen Truhe liegen, ruhen hier Joachim Fritz von Farenheid (gest. 1834), Wilhelmine von Farenheid (gest. 1847) und Friedrich Wilhelm von Farenheid (gest. 1888). Reich geschnitzte Truhen standen auf prunkvollem Katafalk. Bis zum heutigen Tag sind sie aber nicht erhalten geblieben. Alle Mitglieder der Familie hat man so lange in der Pyramide begraben, bis die männliche Linie des Stammes ausgestorben ist. Dann verkaufte man das Gut. Das Familiengrab wurde im Laufe der Jahre  mit Gras überwuchert , derWald dehnte sich immer weiter aus,.sodaß  die Pyramide bald  von der Palastseite nicht mehr zu sehen war. Mit der Zeit hat man das ungewöhnliche Bauwerk vergessen.
Der Schöpfer des Grabes hatte beim Bau der Pyramide noch ein anderes Ziel: Er wollte günstige Bedingungen zur Leichenmumifizierung schaffen. Nach dem II. Weltkrieg untersuchten Archäologen aus der Warschauer Universität ,, ob die Mumifizierung in der Pyramide in Folge ärztlicher Kunst entstanden war oder natürliche Gründe hatte. Leider sind die Ergebnisse dieser Forschungen bis heute nicht bekannt. Die Legende erzählt, daßdie Farenheids die Unsterblichkeit der Familienmitglieder als Ziel hatten. Ob sich dieser Traum erfüllte, ist eher zu bezweifeln.

Eine Fahrt ins Blaue

Nach Rappa komme ich aus Angerrapp auf eine nicht übliche Art und Weise, mit dem Fahrrad. Um nach Rappa am schnellsten zu gelangen, muss man von Węgorzewo (ehem. Angerburg)  Richtung Gołdap fahren und in Banie Mazurskie Richtung russischer Grenze abbiegen. Ich empfehle aber eine Strecke an der Grenze entlangzufahren. Auf dem Weg -fast an der Grenze -liegt das Dorf Zabrost, das mit einzigartigen Häusern bebaut ist. Weiter östlich, in der Nähe der Stelle, wo der Fluss Gołdap in den Węgorapa (Angerapfluss) mündet, gerate ich in das von Gott verlassene Dorf Mieduniszki, das früher, , vor allem von der litauischen Bevölkerung bewohnt war.Der Dorfname deutet darauf hin. In Rappa biege ich Richtung Süden ab und plötzlich im Wald, am Dorfrand entdecke ich die Pyramide.
Sie ist tief im Wald versteckt, aber man kann sie auf keinem Fall verpassen. Ihre Größe übersteigt alle meinen Erwartungen. Ihre Höhe erreicht 15,9 Meter und das Fundament bildet ein Quadrat mit 10,4 m Kantenlänge. Zur Pyramide führt ein breiter Weg zwischen den Bäumen. Ich treffe ein paar Touristen. Aber im Vergleich zur Menschenmasse in Heiligen Land oder in der Wolfschanze fühle ich mich hier ziemlich einsam. Plötzlich tauchen drei fröhliche Kinder auf, die ihre Fremdenführerdienste anbieten. Man muss zugeben, daß sie sich sehr gut darauf vorbereitet haben. Sie nennen  mehrere Daten und Fakten und erzählen Geschichten von Gespenstern, die sie hier gesehen haben. Sie kennen Familiengeheimnisse, unter anderem die Geschichte der Baronin, deren Mann eine Liebesaffäre mit dem Zimmermädchen hatte.  Aus Verzweiflung vergiftete ihn seine betrogene Frau mit einer Pilzsuppe.  Eines der erzählenden Kinder, eine junge Dame,versichert mir, daß sie an der Stelle der Baronin bestimmt nicht so weit gehen würde einen Mord zu begehen.  Eine andere Version dieser Geschichte erzählt von mehreren Familienstreitereien, die sich 2 Jahre lang nach der Abreise von Friedrich, dem Mann der Baronin, ereigneten. Nachdem sie von der Rückkehr ihres Mannes erfahren hat, beschloss sie, die entzweite Familie zu versöhnen und lud alle zu einem gemeinsamen Essen ein. Das Mittagessen endete leider tragisch, weil die schon früher erwähnte Pilzsuppe 7 Mitglieder der Familie zusammen mit der kleinen Ninette vergiftete. Der drei Tage später angekommene Gutsbesitzer Friedrich fand nur die Toten im Haus und ihm blieb nichts andres übrig, als seine Familie in dem Pyramiden-Mausoleum zu begraben.

Der Tag der toten Leichen

Die Pyramide selbst ist aus rotem Ziegel gebaut. Nach den Wünschen des Barons befindet sie sich auf einem Deich, der von einem ausgetrockneten Kanal umgeben ist. Ich nähere mich der Pyramide und stelle fest, daß sie wirklich nach alten ägyptischen  Bauregeln errichtet wurde. Neben der früher erwähnten Kuppel, deren Neigungswinkel 51°52’  Grad (innen und 68-70° außen) beträgt, hat sie auch entsprechende Proportionen – die Fläche jeder Seitenwand entspricht der Fläche des Quadrats des Fundamentes. So wie in Ägypten wurden hier auch die Leichen ins Grab gelegt und dem Vorbild entsprechend wurden auch die Ventilationskanäle installiert. Die Eingangstür  ist zugemauert und die Fenster sind mit Gittern versehen. Wenn wir durch das Fenster blicken , erscheint  eine Szene wie aus einem amerikanischen Horrorfilm. Aus den Truhen, deren Deckel fehlen, ragen die Menschenknochen. Man kann Hände und Füße erkennen, jedoch bei den sterblichen Überresten sind keine Köpfe zu sehen. Das ist wahrscheinlich mit dem Volksglauben verbunden. Die einheimischen Bauern hatten Angst, daß die im Grab liegenden Gestalten Gespenster sein könnten, weil sich ihre Leichen nicht zersetzt haben. Umso schlimmer, da in der Gegend auch eines Tages das Vieh an einer Seuche starb. Man wollte das Problem für immer lösen und hat die Leichen enthauptet.
Während des I. Weltkrieges brachen die Russen in das Mausoleum ein. Im 2.Weltkrieg störten dann die Sowjets nochmals die Ruhe der Verstorbenen auf der Suche nach Gold und anderen Schätzen.
Für das Grab sorgt heute die örtliche Gemeinde. Seit 1992 befindet sich die Pyramide in Rappa unter Denkmalschutz.

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