Deutsche Presse über Smolensk

Die Berichterstattung deutschsprachiger Medien bezüglich des Flugzeugabsturzes in Smolensk ist vielfältig. Festgehalten werden kann, dass sie sicherlich nicht das Informationsspektrum der polnischen Medienlandschaft zu diesem Ereignis abdeckt, dies jedoch auch nicht die primäre Aufgabe der deutschsprachigen Presse sein kann und soll. Vielmehr werden die Nachrichten gefiltert und dem deutschsprachigen Publikum präsentiert. Da die Medienlandschaft Polens und die polnische Berichterstattung sich bezüglich einer Information, geschweige denn einer Schlussfolgerung, nicht konvergent verhalten, ist das Herausfiltern von wahren Informationen eine schwere Aufgabe, zumal die auflagenstärksten polnischen Zeitungen eine neutrale Berichterstattung missen lassen. Zwangsläufig finden Fehlinformationen ihren Weg in die deutsche und internationale Presse:

Tageschau.de berichtet am 10.04.2010, Tag des Absturzes, folgendes: „Er [der Pilot] habe sich trotzdem für eine Landung entschieden. Nach mehreren vergeblichen Landeversuchen habe die Maschine dann mit den Tragflächen die Baumspitzen berührt.“

Am Tag des Absturzes kursierten Informationen, die von mehreren Landeversuche des Flugzeugs sprachen. Tatsächlich gab es keinen einzigen Ladeversuch, da das Flugzeug noch vor einem solchen abgestürzt ist. Erst in späteren Ermittlungen wurde bekannt, dass das Kommando „odchodzimy“ („wir verlassen“ / „wir gehen weg“) vom ersten Piloten erteilt und kurze Zeit später vom zweiten Piloten bestätigt wurde. Während dieses Kommandos ist keine Unruhe der Piloten zu bemerken. Das Manöver konnte nicht zu Ende gebracht werden, da die Maschine wenige Sekunden später abstürzte. Die Fehlinformation von vier Landeversuchen suggeriert hingegen Fehlentscheidungen und Uneinsichtigkeit der Besatzung, womit eine Schuld der Piloten nahegelegt wird. Da diese Information aktuell war und bereits wenige Stunden nach dem Absturz weltweit in den Medien aufgetaucht ist, hatte sie weitreichende Folgen.

Auch das Szenario Präsident Lech Kaczynski und ranghohe Passagiere hätte Druck ausgeübt kursierte in den Medien sowohl am Unglückstag als auch danach. Diese Version wurde von der russischen Untersuchungsbehörde (MAK) mit der Vorsitzenden Anodina aufgegriffen und fortentwickelt.

Tageschau.de (12.01.2011): „Auch die „erwartete negative Reaktion des wichtigsten Passagiers“ auf eine mögliche Umleitung auf einen anderen Flughafen habe zur Entscheidung für einen Landeversuch beigetragen, sagte Anodina. Dabei wurde der damalige polnische Präsident Lech Kaczynski, der bei dem Unglück starb, nicht namentlich genannt. Doch bereits kurz nach dem Unglück am 10. April vergangenen Jahres war darüber spekuliert worden, ob Kaczynski den Piloten persönlich zum Landeanflug gedrängt hatte.“ … „Die Anwesenheit des Luftwaffenchefs und des Protokollchefs im Cockpit habe psychologischen Druck auf die Besatzung ausgeübt und zur Entscheidung des Piloten beigetragen“ … „Dass der Luftwaffenchef (Genaral Błasik) und der Protokollchef im Cockpit aufgetaucht waren, belegten aber bereits die Aufzeichnungen der Flugschreiber“ … „Bei Luftwaffenchef Blasik wiesen die russischen Ermittler laut Anodina einen Alkoholgehalt von 0,6 Promille im Blut nach.“

Erst im Frühjahr 2012 konnten polnische Ermittler beweisen, dass auf den Flugschreibern die Stimme Genaral Błasik nicht (!) zu hören ist. Genaral Błasiks Körper wurde zudem in einem anderen Sektor der Absturzstelle gefunden als das Cockpit. Somit existieren keine Beweise für einen Kontakt zwischen dem Luftwaffenchef und den Piloten während des Fluges. Kritiker sehen im MAK-Bericht eine sehr lückenhafte Untersuchung, die letztlich den Absturz auf Faktoren zurückführt (psychische Drucksituation der Piloten), die mit Beweisen nicht belegt werden können, jedoch als Hauptabsturzursache gelten. Weiterhin dienen die Angabe des Alkoholgehalts im Blut des Luftwaffenchefs einzig der Popularisierung der These eines unkontrollierten, chaotischen Fluges. Sie macht außerdem die Geschichte eines druckausübenden Generals glaubwürdiger. Ihr Sensationsgrad untermauert die zuvor beschriebene Absturzursache (Pilotenfehler, Fehlverhalten der Delegation, Druck durch den ersten Passagier), während gleichzeitig die Unzulänglichkeiten des Berichtes (keine Untersuchung des beschädigten Flügels, keine Rekonstruktion des Flugzeugs, …) aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit rücken.

Als eine offizielle Version der Absturzursache kann der MAK-Bericht folglich nicht anerkannt werden. Anmerkungen der polnischen Seite an die MAK wurden ignoriert. Vor der polnischen Parlamentswahl erschien mit einer mehrmonatigen Verspätung der polnische Bericht („Miller-Bericht“) zur Absturzursache. Auch diesem Bericht wird mangelnde Authentizität vorgeworfen, da u.a. keine Untersuchungen am Flugzeugwrack durchgeführt wurden (dieses liegt bis heute in Smolensk), keine wissenschaftliche Vertreter den Bericht verantworten, die originale Black-Box nicht zur Verfügung stand und der Vorsitzende Miller „Richter in eigener Sache“ ist und nicht ausgeschlossen werden kann, dass er den Bericht im Bewusstsein der bevorstehenden Wahlen verfassen ließ. Schließlich war Miller zu dem Zeitpunkt ein Mitglied der Regierungspartei und verantwortlich für das BOR, das für die Sicherheit ranghoher Politiker sorgt, jedoch im Smolensk-Flughafen nicht (!) vertreten war.

Diese Zwickmühle aus einerseits verfälschten und andererseits unvollständigen subjektiven Berichten stellt die polnische Gesellschaft in eine ungewisse Lage. Jeder Aussage zu dem Flugzeugabsturz fehlt es an gesicherter Grundlage. Somit kann auch jede Aussage als Teil einer Verschwörungstheorie gelten.

Der Versuch seitens der polnischen Opposition (PiS, SP) eine internationale Kommission für die Untersuchung des Absturzes zu gründen, wird von der Regierung als politische Aktion und Emotionalisierung der Bevölkerung gewertet, obwohl die polnische Bevölkerung mehrheitlich eine Aufarbeitung des Unglücks fordert. Bisher fehlt ein objektiver Bericht und ein solcher kann nur von unabhängigen Personen erstellt werden.

derStandard.at (28.03.2012): „Von Anfang an kursierten aber auch Verschwörungstheorien, der Absturz sei in Wahrheit ein Attentat gewesen.“

Erst kürzlich wurde der Antrag der Opposition, das Flugzeugwrack nach Polen zurückzuführen von der Regierungspartei scharf kritisiert und abgelehnt. Der Grund war, „die Opposition wolle das Land spalten“ und „nutzt das Unglück für politische Ziele“. PiS Abgeordnete weisen darauf hin, dass mit dem Ablehnen des Antrags die PO und der amtierende Regierungschef Tusk eine internationale oder sogar unabhängige polnische Untersuchung fürchten, jegliche Untersuchungen blocken und sich ihrer Verantwortung entziehen.

Einige deutschsprachige Medien erkennen diese Stagnation in der Aufarbeitung des Flugzeugabsturzes an und sehen eine Gefahr für die Entwicklung der Beziehung des ohnehin brüchigen polnisch-russischen Verhältnisses.

Süddeutsche Zeitung (17.04.2011): „Die offenkundige Manipulationen der russischen Kommission, die den Absturz der polnischen Präsidentenmaschine zu untersuchen hatte, haben die Beziehungen erheblich eingetrübt.“

Eine internationale Untersuchung ist heute nötiger als vor zwei Jahren.


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