Das religiöse Leben der alten Masuren

Es ist allgemein bekannt, daß 1945 die gesellschaftlichen Strukturen in unserer Gegend  völlig  vernichtet wurden. Das Leben kehrte glücklicherweise nach Masuren zurück, aber die neuen Einwohner brachten eigene Sitten  und Traditionen hierher. Sie legten damit die Bausteine für ein völlig neues Leben in  dieser Region. In einer Reihe von Artikeln möchten wir verschiedene, interessante Aspekte vom Leben  im alten Masuren vorstellen.Drehen wir doch einfach die Zeiger der Uhr um hundert Jahre zurück. In die Zeit, in der sich diese Region weitab von der Weltpolitik befand.
Betrachtet man das damals religiöse Leben der Masuren aus heutiger Perspektive, findet man die unterschiedlichsten Arten von lokaler Religiosität. Die Bevölkerung war fast zu 100% evangelisch. Untersucht man die religiösen Feierlichkeiten genauer, findet man viele Spuren aus heidnischen Zeiten sowie starke Einflüsse des Katholizismus im Volksglauben.  Nicht ohne Bedeutung war hier die polnische Abstammung der Masuren, sowie die nahe Nachbarschaft mit sehr katholischen und konservativen Kurpien.
Die Einwohner von Masuren waren grundsätzlich einfach und schlecht ausgebildet. Sie hatten damals ein niedrigeres Zivilisations-und Kulturniveau  als die in anderen Teilen Ostpreußens lebenden deutschen Mitbürger.  „ Ihr Glauben war oft eine Mischung aus reicher Fantasie, Träumerei, Unmittelbarkeit und religiösem Eifer, was oft den von Natur aus kalten und mehr reflexionsbereiten Deutschen fehlte“  – meinte der Militärgeistliche Bock. Die Masuren glaubten zum Beispiel,  das Beten sei nur in der Kirche sinnvoll. War die Kirche geschlossen , betete man „durch das Schlüsselloch“.
Der Besucher in Masuren trifft auf meist volle Kirchen  und tiefe Religiosität bei den kirchlichen Feierlichkeiten. Besonders beliebt war das Singen, das man spontan intonierte, bevor der Gottesdienst anfing. Die Menschen knieten bei „Vater Unser“ nieder. Singend nahmen sie die Heilige Kommunion an. Tradition war das Küssen des Gesangbuches bei jedem Gebrauch, besonders , wenn es zufällig zu Boden gefallen war. Sehr großen Wert legte man auf die äußerlichen Glaubensattribute: das Kreuzzeichen (sogar die Fuhrmänner bekreuzigten sich mit der Peitsche vor der Abfahrt ,damit die Räder nicht zusammenbrachen) das Niederknien oder Kreuzigen vor dem Altar und das Schlagen an die Brust. (Uta, gibt es so etwas bei Evangeliken? Nein !!).Das waren zum Teil Überreste katholischer Traditionen, die trotz langer Zeit erhalten geblieben sind.
Zu anderen katholischen Traditionen gehörten die Gelöbnisse und Votivopfer,die in die evangelischen und katholischen Kirchen gebracht wurden. Bei Krankheit gelobte man , gewiße Zeiten später zu fasten , an bestimmten Tagen die Kirche zu besuchen oder ein Opfer darzubringen. Manchmal gelobte die gesamte Dorfbevölkerung , daß sie weder Sonntags noch an Feiertagen der Apostel arbeiten würde.Das geschah sehr oft nach Unwettern wie Gewitter oder Hagel . Oder wenn ein Unglück passierte. Eines Tages kamen die Bauern z.B.  zum Landrat mit großen Hagelkörnern  in der Hand. Sie beschwerten sich ,ein örtlicher Priester sei an diesem Unwetter schuld .Er habe die Bauern  an einem solchen Feiertag zur Feldarbeit gezwungen.
Der Gott der Masuren war kein strenger Richter aus dem alten Testament.Die religi ösen Praktiken waren sehr fröhlich. Man konzentrierte sich auf die Erlösung und nicht auf die Verdammnis .Gerne wurde mit der Lehre Jesu gegen die „Teufel“ vorgegangen.Die Erlösung erreichten alle sozialen Schichten, Bauern, Bürger oder  Adlige. Geopfert wurde nur zu ganz speziellen Anlässen und man hoffte auf Gottes Dank. Opferte z.B jemand eine Kerze , hoffte er dadurch ein schöneres Aussehen zu erlangen. Wurde ein Pferd gestohlen, glaubte man , daß das Glockengeläute den Dieb zum Stehenbleiben zwingt. Das Wachs von kirchlichen Kerzen diente als bestes Heilmittel gegen Epilepsie. Der Weihwein sollte eigentlich bei allen Krankheiten helfen. Die Oblate trugen die Jäger in Kolben ihrer Waffen – sie sollte die Treffsicherheit verbessern.
Max Toeppen, der Historiker aus dem 19. Jahrhundert beschreibt eine Geschichte aus Nikolaiken: „Eine Schenkwirtin ließ eine Oblate unter einem Kessel, der zum Schnapsbrennen diente, zumauern. Danach hatte sie immer sehr viele Gäste und sie wurde sehr vermögend. Nach ihrem Tod fand sie keine Ruhe und über ein am Sonntag geborenes Kind informierte ihren Mann über das Versteck. Er hat die Oblate gefunden und brachte sie in die Kirche. Danach fand die Frau ihre Ruhe.“

Eine tiefe Religiosität bedeutete längst nicht, daß die Kirche hier ein Monopol hatte. Der Priester wurde mit großer Achtung behandelt, ähnlich behandelte man aber auch Zauberer und Wahrsager. Neben der Bibel las man auch Lektüren unbekannter Herkunft wie „Der Schlüssel zur sehr wichtigen Geheimnissen“ . Der sollte mit goldenen Buchstaben von Gott selbst geschrieben worden sein. Laut Legende, hat man ihn unter einem Altar in Britannien gefunden. Dieses Buch verbreitete den Marienkult und wurde höchstwahrscheinlich von Katholiken herausgegeben. Die Masuren feierten  katholische Feiertage, wie  Fronleichnam oder Verklärung Christi, sowie zahlreiche Maria – und Apostelfeste. Am Tag des Heiligen Peter und Paul (29. Juni) pilgerten zahlreiche Masuren  gerne zur katholischen Kirche nach Święta Lipka (Heilige Linde), sowie zu anderen Kultorten  nach Złotowo (Zlottowo) bei Lubawa (Löbau) und nach Białuty bei Działdowo (Soldau). Jedes Fest wurde von einer Ablassfeier begleitet. Man verkaufte unter anderem auch Pferde und Leinwände.

Die religiöse Welt der Masuren war reich an Festlichkeiten, Gebeten, Kirchenliedern aber auch an Aberglauben. Von diesen Menschen könnten heute viele lernen: wie man friedlich  verschiedene Sitten , Traditionen  und Gebräuche nebeneinander und miteinander praktizieren kann. Meiner Meinung nach lohnt es sich, ab und zu so eine Reise in die religiöse Vergangenheit der Masuren zu unternehmen.

 

Marcin Plewka

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